Antarktis

Eigentlich dachten wir, dass wir mit dem Flug nach Südamerika unseren letzten Kontinent auf der Reise betreten werden ... manchmal kommt es eben anders. Zwar hatten wir immer das Vorhaben, in Ushuaia nach Last Minute Angeboten für die Antarktis zu schauen, jedoch war uns auch immer bewusst, dass die Schiffsreise trotzdem immer noch sehr teuer sein würde. Nun haben wir aber eine Möglichkeit gefunden und werden vom 27.02. bis zum 07.03.2013 mit der Ocean Diamond zum 7. Kontinent, auch aufgrund seiner Eismassen weißer Kontinent genannt, fahren.

Antarktis 27.02. - 07.03.2013

Und da standen wir tatsächlich dann im Hafen Ushuaias, sahen die Ocean Diamond und der Traum Antarktis wurde fassbar. Daniela aus der Reiseagentur hatte uns gesagt, dass wir entweder auf einen Bus am Hafen warten, um exorbitante 500 Meter zum Boot fahren zu können, oder mit den Rucksäcken zu Fuß selber durch die Gepäckkontrolle laufen könnten.

Wir überließen den Bus unseren chinesischen Mitreisenden und trollten wie ehrliche Last-Minute-Touristen mit unseren Backpacks in die Sicherheitszone des Hafens. Euphorisiert wegen des Anblicks der Ocean Diamond nahmen wir die ersten Kontrollbeamten nicht wahr, liefen wie selbstverständlich an diesen vorbei und waren im Nu im Sicherheitsbereich des Hafens - ohne auch nur einer Kontrolle unterzogen worden zu sein. Das Tor war halt offen und die Herren Sicherheitsbeamten waren in Gespräche vertieft, sodass sie uns nicht wahrnahmen. Am nächsten Tor stand dann ein gewissenhafterer Uniformträger, der uns unmissverständlich - er hatte eine Trillerpfeife - zu Verstehen gab, dass wir noch warten müssten, bevor das Gepäck gescannt werden könnte. Und da sammelten sich dann nach und nach an diesem, uns zugewissen Aufenthaltsort Reisende. Schnell war dann jeweils klar, dass es ebenfalls Antarktisreisende waren. Wir lernten so vorab schon den in NY lebenden Aussie Neil alias Captain Jack, Sören aus Dänemark, der mit dem Wohnmobil die ganze Welt seit Jahren bereist, und Suzanne, Raymund und Elise, alle sind zwischen drei und fünf Monaten in Südamerika unterwegs, aus den Niederlanden kennen. Von den Herren und Damen aus dem Reich der Mitte noch keine Spur. Unsere Kennenlernrunde sprengten die gestenreich spartanisch unterlegten, auf das Wesentlichste beschränkten Worte - Stichwort Trillerpfeife :-) - des Wachmanns, dass wir nun unser Gepäck scannen lassen könnten. Es ging los.

Nachdem die Schnüffelnase des Hundes den Tetrapack-Wein schwanzwedelnd ignoriert hatte, standen wir auch schon vor der Rampe, an der uns das Team von Quark Expeditions strahlend empfing. Als das Einchecken absolviert war, führte uns eine Dame zu unserem Zimmer auf Deck 6. Wir staunten nicht schlecht, denn wir fanden ein besseres Hotelzimmer vor, wo es uns nicht schwer fallen würde, uns neun Tage sehr wohl zu fühlen. Da wir aber mit die ersten Passagiere an Bord waren, wollten wir uns das Spektakel der ankommenden Chinesen aus der Vogelperspektive vom Deck aus nicht entgehen lassen. Und da kam dann auch schon der Bus und nach dem Öffnen seiner Türen strömten sie in Scharen aus dem Bus. Erste Handlung war dann zumeist direkt ein Foto von dem Schiff oder den Freunden mit dem Victory-Zeichen, egal ob dadurch hinter ihnen der komplette Verkehr aufgehalten wurde. Im Inneren des Bootes begrüßten wir uns dann mit den chinesischen Mitreisenden mit einem freundlichen "Ni hao". Sie lachten immer nett, waren aber mehr mit der Herausforderung beschäftigt, die dicken Koffer aus dem kleinen Aufzug rauszuquetschen. Erschwerend kam meist hinzu, dass sie teils zu zweit durch die Türen wollten. Lustig wars.

Nun aber zu unserer Reise, die noch am frühen Abend mit der Fahrt durch den Beagle Channel begann. Zunächst traf man sich am Deck des Schiffes, um die schönen Ufer des Beagle Channels und Seevögel, teils waren sogar Albatrosse zu sehen, zu beobachten. Dabei lernten wir einige Mitreisende kennen und führten die ersten netten Gespräche.

Auch Susanne, die Teamfotografin von Quark Expeditions, war an Deck und wir kamen mit der in Kanada lebenden Deutschen ins Gespräch. Zudem fielen uns einige chinesische Mitreisende in Ausgehgarderobe auf, die sich von einem Foto ins nächste stürzten. Wir wurden bei dem Anblick daran erinnert, was wir für ein Glück mit unserem Last-Minute-Deal hatten, denn die Herrschaften hatten ganz offensichtlich ordentlich Zaster auf dem Konto. Kameras im Kleinwagenpreissegment, Klamotten der edleren Sorte und Schmuck sprachen eine deutliche Sprache. Aber nett waren sie, sodass Rob mit dem auffälligsten weiblichen Exemplar direkt ein Foto machte und sich freundlich mit "Ni hao" bedankte. Es wurde nun Zeit für das erste Dinner und dazu wurden wir per Durchsage eingeladen. Kurze Zeit später saßen wir in einem edlen Speisesaal und wurden nur durch die runden Bullaugen daran erinnert, dass wir uns auf einem Schiff befanden. Viel gespannter waren wir aber auf das Essen, denn die Chinesen hatten sich zwei eigene Köche für die Reise mit an Bord gebracht. Im Vorfeld der Reise hatten wir deswegen häufiger scherzhaft spekuliert, dass wir uns wahrscheinlich neun Tage von gebratenen Nudeln und Suppe ernähren müssten. Weit gefehlt, denn als wir das Menü in den Händen hielten, staunten wir nicht schlecht. Vier Gänge, die alles andere als komplett chinesisch orientiert waren. Wir bestellten und bekamen ein Essen serviert, das wir in den letzten acht Monaten gaaaanz ganz selten gesehen hatten. Es war wahnsinnig lecker und wir bekamen nach dem Essen heraus, dass zwar zwei Köche aus China eingeflogen worden waren, das Zepter jedoch der deutsche Küchenchef in der Hand hielt und somit eine schützende Hand über der Crew und den restlichen Nicht-Asiaten hielt. Aus diesem Grund bekamen wir in den neun Tagen einen sagenhaften Mix aus asiatisch-europäischer Küche geboten. Die Krönung war z.B. Currywurst als Fingerfood während der Ansprache des Captains am kommenden Tag. Generell sah der Speiseplan für uns täglich ein üppiges Frühstücks- und Mittagsbuffet vor. Im Nachmittag gab es dann Kaffee und Kuchen, abends immer das beschriebene Dinner.

Um diese schlaraffenlandähnlichen Bedingungen genießen zu können, müssten wir allerdings die drohende, häufig sehr wackelige Fahrt - es können Wellen zwischen 9 und 12 Metern vorkommen - relativ gut hinter uns bringen. Zunächst aßen wir artig unsere Tellerchen leer, um dem Wettergott Bedingungen für einen Drake-Lake abzutrotzen. Dann gingen wir zu Doktor Barbara, die für das medizinische Wohl zuständig war. Wir hatten zwar schon eine weniger konzentrierte Tablette genommen, wollten aber, um alle Unannehmlichkeiten ausschließen zu können, noch die wirklich guten Tabletten von Doktor Barbara nehmen. Zudem sah unsere Taktik vor, häufig an die frische Luft zu gehen und viel zu trinken, jedoch in der Drake Passage keinen Alkohol. Dieser Plan ging am ersten Abend auch wunderbar auf, sodass Tom noch einen kurzen Abstecher ins kleine Fitnessstudio machte, bevor wir uns mit den anderen in der Bar zu einem Drink trafen. Die Tabletten machten aber alle so müde, dass es auch bei einem Drink blieb und sich danach alle der Reihe nach zur Nachtruhe verabschiedeten. Wir schliefen fantastisch im besten Bett unserer Reise bis dato.

Am morgen weckte uns die ruhige Stimme von Expeditionsleiter Woody mit dem Hinweis, dass das Frühstück von 7 bis 8 Uhr serviert würde. Die chinesische Übersetzung war dann weniger ruhig und sanft, sodass wir schlagartig wach waren, beim Duschen den Seegang der Drake Passage gekonnt ausbalancierten, ein Pillchen von Doktor Barbara einwarfen und zum Frühstück torkelten.

Beim Blick aus den Fenstern konnten wir mal Himmel und mal Wasser sehen, was uns schließen ließ, dass da draußen einige Wellen waren. Jedoch klärte uns das Team auf, dass wir eine sehr ruhige Drake Passage befahren würden und es genießen sollten. Sie lachten dabei. Am ersten Tag standen zwischen den Mahlzeiten einige organisatorische Dinge an. So bekamen wir z.B. unsere gelben Jacken, die warmen Stiefel und mussten mit den Schwimmwesten zum allgemeinen Anprobieren. Eine lustige Veranstaltung, wenn 140 Chinesen in den Raum strömen, ihre Westen hektisch über den Kopf ziehen, versuchen diese fachmännisch zu knoten und dann erkennen, dass es auch eine Lampe an der Weste gibt, die blinken kann. ;-) Des Weiteren besuchten wir Informationsveranstaltungen über Wildlife, welches wir in dr Drake Passage eventuell sehen könnten. Zwischendurch fand Tom noch Zeit für ein wenig Sport im kleinen Fitnessstudio des Schiffes. Zudem besuchten wir die Brücke, das Herz des Schiffes, schauten Kapitän Peter beim Navigieren zu und hielten Ausschau nach Albatrossen, Walen und, ganz wichtig, dem ersten Eisberg. Jedoch sahen wir in der Hauptsache nur Wasser, was sich laut des Radars auch nicht so schnell ändern sollte. Beeindruckend, wir waren wirklich auf dem Weg in die Antarktis.

Und dort kamen wir auch am nächsten Tag wohlbehalten an. Wenngleich unser erster Stopp, die chinesische Forschungsbase Great Wall Station, für ein Expeditionsschiff eher ungewöhnlich war, hatten wir dort unseren ersten Landgang. Für die Nicht-Chinesen und auch das Team war es vergleichsweise unspetakulär, für die chinesischen Passagiere aber eine Riesensache. Sie freuten sich unheimlich und schossen Fotos mit Fahnen, Bannern und vorgehaltenem Victory-Zeichen. Unsere erste Zodiacfahrt war dann schon wesentlich aufregender, weil wir das erste Mal antarktische Pinguine und Robben vom Wasserlevel aus hautnah sahen. Das Team Westernzodiac, wir versuchten immer die gleiche Holland-Deutschland-Australien-Spanien-Connection bestehend aus zehn Personen im Zodiac zu vereinen, hatte wahnsinnigen Spaß und staunte nicht schlecht über die überwältigende Schönheit der Antarktis. Und das wäre nur der Appetizer für alles was noch kommen würde, so unser Guide Timur. Na denn, auf gehts!
Nach guten drei Stunden, so lange dauert immer Landgang und Zodiacfahrt, waren wir wieder auf dem Boot, legten die Rettungswesten, die dicken gelben Jacken, die mehr oder weniger wasserdichte Hose und warem Kleidung ab, lagen breit lächelnd zufrieden auf dem Bett und warteten aufs Mittagessen. Derweil navigierte Kapitän Peter das Schiff zur Wilhelminabay, was vor allem unsere holländischen Freunde doch sehr freute.

Bei herrlichstem Wetter ließen wir uns mit dem ersten Zodiac auf eine kleine Insel fahren, wanderten zügig durch eine Pinguinkolonie zum Gipfel des Hügels und genossen für zehn Minuten, die hatten wir den folgenden Chinesen auf dem kurzen Weg durch den zügigen Schritt abgenommen, den Blick in Ruhe.

Unvergleichlich, da waren wir uns einig, und absolutes Glück, dass wir das erleben durften. Überwältigt ob der süßen Pinguine und der intensiven Blautöne im Wasser und am Himmel stapften wir durch den Schnee zurück zu den Zodiacs, um den zweiten Teil unseres nachmittäglichen Ausflugs anzutreten. Durch das Team wurden die Passagiere immer in zwei Hälften eingeteilt, die erste fuhr zuerst zum Landgang, die zweite zuerst zur See mit den Zodiacs. Nach gut 1 1/2 Stunden wurde dann gewechselt. Und so düsten wir mit dem wohl erfahrensten Zodiacfahrer Vladimir raus in die Wilhelminabay, sahen Seeleoparden auf Eisschollen sonnen und unter Wasser elegant tanzen, staunten über die hunderte Meter hohen Eiswände sowie die verschiedenen, tausende Jahre alten Eisschichten und freuten uns über unsere ersten Wale, die wir aus dem Zodiac heraus bewundern durften. Zwei Minke Wale und ein großer Humpback gaben sich die Ehre. So eine sich aus dem Wasser erhebende Schwanzflosse dieser Riesen, von der das Wasser abtropft und die das Abtauchen andeutet, ist schon ein, sorry, geiles Erlebnis.

Um euch die fünf Minuten vor dem Sichten eines Wales in einem Zodiac zu verdeutlichen, hier ein typischer Dialog des Team Westernzodiacs.

Aus dem Funkgerät krächzt eine Stimme: "Wir haben einen Wal gesichtet. Humpback. Ungefähr vor dem linken Ende der riesigen Eiswand." Vladimir stoppt kurz den Motor, um alles besser verstehen zu können, schaut anschließend in die angesagte Richtung. "Die haben dort hinten einen Wal gesehen. Auf geht´s." Zehn Stimmen reden dann aufgeregt durcheinander und meinen alle dasselbe: "Yes, geil, endlich, fahr zu!!!" Die folgenden zwei Minuten sitzen alle angespannt auf dem Rand des Zodiacs und schauen äußerst konzentriert auf das Meer hinaus, um den Wal zu sichten oder den verräterischen Zischlaut, welchen ein Wal beim Auftauchen durch das Ausstoßen der restlichen Luft durch sein Nasenloch auf dem Rücken erzeugt, zu hören. Meistens ist es dann Sherlock Holmes Vera, die mit dem Finger in eine Richtung zeigt und ruft: "Da, dadrüben. Da ist der Wal." Anerkennend entgegenet der Rest des Bootes: "Vera, wow!" Rob sagt in seiner unnachahmlichen Art: "Ah, duuuu Vera. Terrific." Vladimir ergänzt: "Festhalten." In der gleichen Sekunden düst das Boot los in Richtung Wal. Dieser taucht erneut auf und das ganze Boot stößt nahezu gleichzeitig ein "Ohhhhh, da. Wow." aus. Vladimir verlangsamt das Boot und hält ausreichend Abstand um den Wal nicht zu stören, uns aber die Möglichkeit eines einzigartigen Erlebnisses zu geben. Warten mit den Kameras im Anschlag und absolute Stille im Boot. Wo und wann wird er wohl das nächste Mal auftauchen? "Zisssssschhhh...." "Ahhhh, da. Boah. Terriiiiiific! Hahahaha. Yes. Yippie." Die Kameras klicken um die Wette und mit leuchtenden Augen schaut sich das Team Westernzodiac an.

Dieses Szenario wiederholte sich in der Wilhelminabay einige Male und wir hatten Glück, dass sich diese tollen Tiere uns zeigten und durch das professionelle Navigieren der Zodiacs nicht gestört fühlten. Wir kamen total glücklich wieder auf dem Boot an, tauschten beim Abendessen die Erlebnisse aus und beobachteten die Trinkspielchen der Chinesen ... würde das gut gehen? Würde es ... noch, denn an diesem Abend schütteten die Herren und Damen das eine oder andere volle Glas Wein und/oder Bier in einem runter. Es hatte etwas von Prestigetrinken, denn danach wurden die leeren Gläser mit lauter Stimme in die Runde gehalten, um bloß auf sich aufmerksam zu machen. Wir werden später noch auf das Trinkverhalten unserer Freunde während einer Auktion und die Nachwirkungen beim Abendessen zu sprechen kommen.

Wir ließen den perfekten Tag mit Rob und Jeroen in deren Zimmer mit einem Tetrapackwein, den wir uns aus Kostengründen aus dem Supermarkt mitgebracht hatten, ausklingeln. Im Anschluss lagen wir dann glücklich im Bett und schauten den zweiten Teil der BBC Dokumentation "Frozen Planet". Wir konnten den nächsten Tag kaum erwarten.

Was wir dann in den kommenden Tagen erlebten, folgt in den kommenden Tagen hier!

Eure Weltenbummler