Südamerika

Mitte Februar 2013 werden wir das erste Mal einen Fuß auf südamerikanischen Boden setzen. Welche Destination wir anfliegen werden, wissen wir noch nicht. Unserer Vorstellung nach werden wir allerdings versuchen, ganz weit im Süden in Ushuaia in Feuerland die Reise zu starten, um anschließend über Patagonien bis Buenos Aires zu reisen. Im Anschluss werden wir Rio de Janeiro und den Iguazu-Wasserfällen einen Besuch abstatten. Die Salzwüsten Boliviens, die Atacama-Wüste im Norden Chiles und den Machu Picchu in Peru wollen wir danach besuchen. Es gibt noch so viele tolle Ideen, die wir irgendwann und irgendwo bei der Recherche gelesen und gesehen haben, sodass wir uns überraschen lassen wollen, was alles möglich sein wird. 
Aber lest und schaut selbst in unseren Reiseberichten und Fotos, was wir Tolles erleben durften …


Santiago de Chile, Valparaiso 16.02. - 19.02.2013

Unser Abenteuer in Südamerika startete in Santiago de Chile, wo wir die ersten drei Nächte auf südamerikanischen Boden von Hostelbookers gesponsort bekamen. Wir schliefen in dem Hostel La Chimba in dem schönen Viertel Bellavista. Das Viertel hieß damals La Chimba, was so viel wie "auf der anderen Seite des Flusses" bedeutet.

Das Hostel ist ein sehr sehr gutes. Super nettes und hilfsbereites Personal, eine gemütliche Einrichtung, freies Frühstück und Internet, ein Pooltable, Außenbereich mit Sofas und Liegen und nette Zimmer sind hier Standard und bereiten eine gute Zeit. Auch die Lage in Bellavista ist top, weil man Restaurants und Bars direkt um die Ecke hat.

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Wir kamen im gegen Mittag im Hostel in Santiago an und es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man in Neuseeland am 16.02. abends abfliegt und in Santiago am 16.02. dann im Vormittag ankommt. :-) Wir waren platt, durften aber nicht schlafen, denn sonst hätte der Jetlag mit dem Riesenhammer zugeschlagen.

So entschieden wir uns für eine Dusche und einen Spaziergang durch das Viertel Bellavista, in dem es viele Bars und Restaurants gibt. Wir aßen, weil uns das jeder für Chile empfohlen hatte, Fisch. Und da saßen wir dann auf einmal in Südamerika und es prasselten ganz neue Eindrücke auf uns ein. Diese Art Menschenschlag wirkte auf uns komplett neu, nicht vergleichbar mit denen, die wir bisher trafen. Ebenfalls die Sprache war ganz neu für uns und wir mussten unsere Spanischkenntnisse aus 1 1/2 Jahren Kurs bei Carlos hervorkramen. Nach so langer Zeit hatten sich diese allerdings sehr sehr weit hinten im Köpfchen versteckt, wo es den einen oder anderen Knoten zu lösen gab. So stammelten wir uns einen zurecht, nutzten Hände und Füße und ... bekamen, was wir wollten. Neu war auch die Währung, Rechenarbeit im Kopf war angesagt. Und da wir dann noch ein irre gutes Motto für Südamerika im Reiseführer gelesen hatten - "One bottle a day" hieß es da -, wollten wir dieses auch umsetzen. Schnell war die erste Flasche chilenischer Vino tinto gekauft und wir saßen gemeinsam auf unserer Terrasse im Hostel. Vorher hatten wir uns noch Empanadas und Choclo im Kiosk an der Ecke besorgt. Die Damen dort waren so süß, dass sie unser Reden mit Händen und Füßen ebenfalls gestenreich mit vielen Erklärungen erwiderten. Das war dann wieder so eine Situation, die das Reisen so wertvoll und interessant für uns macht. Denn der Kontakt mit Einheimischen, die sich dann richtig Zeit nehmen und sichtlich Spaß daran haben, Ausländern zu helfen, ist immer großartig! Großes Tennis!

Leider sind in Südamerika wohl nicht alle Menschen so nett, sodass man immer wieder von Kriminalität hört - hauptsächlich über das Ausrauben (Rucksack von der Schulter ziehen, Portemonaie klauen ...). Jetzt müssen wir aber sagen, dass man schon mit gespitzten Antennen durch die Straßen läuft, und dies aber dann auch definitiv reicht, um den Herren und Damen Ganoven zu signalisieren: "Nicht mit mir!" Wenn man allerdings, und das sahen wir in den ersten drei Tagen in Chile häufig, den Rucksack nur über eine Schulter hängen hat (die Dinger sind mit zwei Schultergurten erfunden worden!), die dicke DSLR-Kamera demonstrativ zur Schau trägt, Goldschmuck und Uhren offensichtlich feilbietet oder die prall gefüllte Geldbörse am Popöchen trägt, muss man sich irgendwie nicht wundern, dass einzelne Südamerikaner, die teils einfach sehr sehr arm sind, ihre Chance auf ein wenig Geld wittern. Keine Frage, es ist eine Straftat, die aber von vielen klassischen Touris ungemein provoziert werden.

So überlegten wir uns, wie wir damit umgehen. Zum einen ließen wir sämtliche Wertsachen bis auf die Kameras im Hostel, und da dann eingeschlossen. Des Weiteren nahmen wir nur das Bargeld mit, was wir auch am Tag brauchen würden. Ebenfalls nur eine Kreditkarte für den Notfall. Alle anderen Karten etc. blieben im Hostel. Zudem hat es sich als super herausgestellt, ein Portemonaie zu haben, in dem wenig Geld ist und eine abgelaufene Kreditkarte als Fake. Den Rest platzierte Tom in einem flachen Täschchen an einem gaaaaaanz geheimen Örtchen an seinem Körper. Wenn sich dort ein Dieb dran wagen würde, der hätte zuerst mit dem Endgegner Vera kämpfen müssen, denn ihr Ring verleiht jetzt eine unheimliche Kraft! Wahrscheinlich würde der Ganove danach das Business wechseln. :-) In diesem flachen Täschchen waren auch zwei Kopien unserer Reisepässe, die Originale lasst ihr bitte im Hostel! Der Rucksack musste eigentlich nur mit, um die große Kamera zu verstecken. Diesen zog Tom fachgerecht über beide Schultern und mit Hüftgurt an. Da sollte mal einer an Tom vorbeilaufen und den vom Rücken ziehen wollen, soooo schwach ist Tom nun noch nicht nach sieben Monaten reisen. Wenn die Herren Ganoven uns gesehen haben, werden sie uns in die Kategorie "Finger weg. Schwierige Opfer!" eingeordnet haben - hoffen wir jedenfalls. Und die Botschaft dieser ausführlichen Anekdote: Macht euch keine Sorgen liebste Familie und Freunde, wir sind vorbereitet und stellen den Endgegner dar!

Wir machten uns also derart vorbereitet am zweiten Tag auf, um Santiago de Chile zu Fuß zu besichtigen. Dabei gefielen uns vor allem der Plaza de Armas samt der herrlichen Kathedrale und der Hügel Santa Lucia mit seinem Ausblick über die Stadt. Zudem muss man sich den Mercado Central angeschaut haben und dort frischen Fisch essen zum Mittagessen. Es war ein Gedicht, vor allem auch weil wir Luis kennen lernten. Tom stand mitten im Mercado und schoss wild mit der Kamera um sich. Irgendwann vermisste er die Nähe seiner holden Maid, drehte sich um und sah sie mit einem fremden Mann quatschen. Frechheit ... dass Vera fließend spanisch spricht!?! Schnell stellte sich aber heraus, dass der kleine, 50Ü-Luis deutsch sprach und die Leute in sein Restaurant lotsen wollte. Sehr netter Zeitgenosse, der uns zwei Fischgerichte samt Weißwein empfohl, dann über das Dreiländereck in Aachen wie selbstverständlich sprach - es sei ja schließlich Allgemeinbildung! - und zuletzt von seiner brasilianischen Verwandschaft namens Pessoa erzählte. Klingelt es bei den Pferde- und Chio-Liebhabern? Genau, Vater und Sohn Pessoa gewannen das Reitturnier schon beide. Luis wird im Juni nach Aachen kommen und uns dann vielleicht mal besuchen. Mal sehen, ob er Wort hält.
Letztlich warf uns Santiago jetzt nicht vor Begeisterung um, jedoch hat die Stadt doch auch sehr interessante Ecken zu bieten. Und wir fühlten uns zu keiner Zeit unsicher.

Valparaiso 18.02.2013

Viele erzählten uns dann, dass das Städtchen Valparaiso (1 1/2 Stunden von Santiago mit dem Bus entfernt, Abfahrt ab Busterminal Universidad Santiago) wesentlich schöner als Santiago wäre. Da Toms alter Schulkamerad Sebastian lange in Chile gelebt hatte, stellte er uns einen Kontakt zu seinem Freund Danny Nunez aus Valparaiso her. Wir verabredeten uns mit ihm und er zeigte uns gemeinsam mit seiner kleinen Tochter Amanda und seiner Mama Anita SEIN Valparaiso. Wir empfinden es immer als sehr schön, wenn man einen Einheimischen hat, der einem seine Stadt aus seinem eigenen Blickwinkel zeigt. Und so wurde es ein wunderbarer Tag in dem wirklich sehr schönen Valparaiso.

Valparaiso (schönes Tal) ist auf mehreren Hügeln erbaut worden und deshalb gibt es sehr sehr steile, enge Straßen, die durch die bunten Häuser des Städtchens führen. Danny hatte sein Auto mitgebracht und deshalb schmunzelten wir nur über die anderen Touristen, die sich die Stadt erlaufen mussten - wir Glückspilze. Der berühmte chilenische Dichter Pablo Neruda, der unter anderem in Valparaiso ein Haus hatte, welches man besichtigen kann, sagte einmal: "Wenn wir alle Treppen Valparaisos begangen haben, sind wir um die Welt gereist." Wir konnten diesen Ausspruch sehr schnell bestätigen, denn während wir so zwischen den verschachtelten, bunten Häusern umherliefen, brachten wir unzählige Treppen hinter uns. An manchen Stellen hatten wir eine wunderbare Aussicht auf das farbenfrohe Häusermeer und den direkt angrenzenden Pazifik. Die Unesco erklärte den historischen Stadtkern 2003 zum Weltkulturerbe, eine gute Entscheidung, um diesen wundervollen Ort zu schützen. Auch die chilenische Regierung wertschätzte Valparaiso, indem sie das Kongressgebäude, in dem politische Entscheidungen getroffen werden, dort errichtete. Schon früher war Valparaiso einer der wichtigsten Häfen an der Westküste Südamerikas, was sich jedoch heute etwas relativiert hat. Danny erzählte uns, dass man gerade versucht, den Tourismus weiter auszubauen und deswegen auch immer wieder große Kreuzfahrtschiffe im Hafen liegen. Er klärte uns über eine weitere Besonderheit auf, nämlich dass die reichen Leute unten im Stadtkern an der meistbefahrenen Straße wohnen. Je weiter man die Hügel nach oben gehen würde, desto ärmer wären die Leute. Meistens kennt man das ja genau andersherum, weil von dort oben ein phänomenaler Blick zu genießen ist. Sicherlich wäre dies von Hügel zu Hügel auch wieder unterschiedlich, generell würde allerdings diese Struktur gelten.
Da Valparaiso schon für viele Künstler ein Schaffensort gewesen ist, liegt es auch nahe, dass man in irgendeiner Form Kunst in den Straßen findet. Allein die farbenfrohen Häuser und deren Anordnung könnte man schon als Kunst bezeichnen, jedoch zeigte uns Danny ein Museum unter freiem Himmel, die sogenannten Murales von Valparaiso. Murales bedeutet so viel wie Wandgemälde und viele renommierte Künstler haben ihre Werke an Häuserwände gebracht. Und so kann man durch die verwinkelten Gässchen laufen und tolle Kunstwerke an den Häuserwände bewundern. Mittlerweile hatten wir schon einige Meter bzw. Höhenmeter hinter uns gebracht und die Mägen meldeten sich zu Wort, dass sie gerne etwas Input hätten. Danny fuhr mit uns zum Mercado und wir aßen zwischen vielen Einheimischen Fisch, Salat und Kartoffeln. Seafood ist in Chile sehr gut und beliebt, weil das Land eine wahnsinnig lange Küste hat und nur zwischen 80km und 180km breit ist. Die mächtigen Anden, deren schneebedeckte Gipfel man von überall sehen kann, begrenzen Chile in Richtung Osten.
Nach dem Mittagessen wollten wir uns noch eine Besonderheit Valparaisos anschauen, die Stehaufzüge oder Ascensoren. Um die Höhenunterschiede schnell überwinden zu können, wurden einst über 40 dieser Stehaufzüge, große Kabinen für ca. 20 Personen, ins Stadtbild integriert. Heute sind noch 14 in Betrieb und mit einem fuhren wir. Ein bisschen fühlten wir uns wie in den Bergen, nur dass die Stehaufzüge über Schienen am Boden und nicht über Stahlseile in der Luft bewegt werden.
Danny, Amanda und Anita bereiteten uns einen unvergesslichen Tag und wir haben neue Freunde gefunden, die wir sehr sehr gerne auch mal in Aachen begrüßen würden!

Zum Abschluss unserer Zeit in Santiago und Umgebung bekamen wir, bzw. die Deutschen noch ein tolles Kompliment von einem Kellner in einem Restaurant im Viertel Bellavista. Nachdem wir mit unseren einfachsten Spanischkenntnissen bestellt hatten, sagte er: "Ihr seid aus Deutschland, oder?" "Ja, warum?" "Weil Deutsche meistens versuchen, sich in der jeweiligen Landessprache zu verständigen. Franzosen und Amerikaner erwarten zumeist, dass man deren Sprache spricht, obwohl wir hier in Chile sind. Ein Kompliment für euch!" Sehr, sehr nett und dieses Kompliment geben wir natürlich gerne so weiter!

Puerto Natales und Torres del Paine 08.03. - 14.03.2013

Puerto Natales dient als Ausgangspunkt für Tagesausflüge zum und mehrtägige Wanderungen im Torres del Paine Nationalpark. Der Nationalpark wird stets als das Wanderparadies Nummer 1 in Patagonien angegeben und dementsprechend sahen wir auf den Straßen und in den Hostels Puerto Natales viele, in Wanderkleidung herumlaufende Reisende. Berühmt ist die gut 4-tägige Wanderung, die auf der Karte wie ein "W" aussieht.

Diese kann man auf verschiedene Art und Weise absolvieren, was hauptsächlich von den Faktoren Budget und weiterer Reiseverlauf abhängt. Ein Bett in den sogenannten Refugios ist teuer, ein vor Ort schon aufgebautes Zelt etwas billiger. Schlafsack und Isomatte kann man ebenfalls dort mieten. Preisgünstiger ist es, alles in Puerto Natales zu leihen und im Rucksack zu schleppen. Am billigsten wird es, wenn man alles selber besitzt. Für unsere Planung war allerdings ausschlaggebend, dass wir den direkt am Eingang des Nationalparks abfahrenden Bus nach El Calafate buchen wollten, um nicht erneut die 120 km zurück nach Puerto Natales zahlen und fahren zu müssen. Die Alternative, Zelt etc. in Puerto Natales zu leihen, kam für uns also nicht in Frage. Da der Wetterbericht in der ersten Nacht Regen ankündigte, entschieden wir uns für eine Nacht im Refugio Chileno mit unseren eigenen Sommerschlafsäcken. Dazu später mehr. :-) Zudem reservierten wir in den folgenden beiden Nächten ein Zelt mit Isomatten und Schlafsäcken auf dem Campingplatz des Refugios Los Cuernos. Erik aus Kalifornien, der mit uns schon auf dem Boot in der Antarktis gewesen war, trafen wir in Puerto Natales wieder und er entschied sich, mit uns zu wandern. Als wir dann mit dem Bus am Eingang des Nationalparks ankamen, mussten wir uns noch um zwei Dinge kümmern, nämlich um die Eintrittstickets und, viel wichtiger, um eine Bleibe für unsere großen Rucksäcke. Mitschleppen konnten wir die nicht. Wir fragten die Ranger, bei denen wir den Eintritt zahlten, und hatten Glück. Die Rucksäcke würden wir vier Tage in einem kleinen Besenkämmerchen - Boris Bobbele Becker hätte seine Freude an (in) diesem Räumchen gehabt - lassen können. Zum Dank gaben wir etwas Trinkgeld an den freundlichen Ranger. Unserem Abenteuer stand nichts mehr im Wege.

Die erste Tagesetappe würde uns von der Hosteria Las Torres zum Refugio Chileno führen. Dort würden wir den größten Teil unseres Gepäcks lassen, um dann bis zum Fuße der berühmten, häufig auf Postkarten abgebildeten Torres-Türme aufzusteigen. Von da aus würden wir wieder zum Refugio Chileno zurückkehren und den Tag bei einem Nudelsüppchen ausklingen lassen. Aber der Reihe nach:
Wir stiegen aus dem Shuttlebus aus und schnallten uns die Rucksäcke auf die Rücken. Wir lernten Andrew und Sarah aus Australien kennen, die, genauso wie Erik, das ganze Equipment mitschleppten. Deren Rucksäcke sahen schon schwerer aus ... Wie dem auch sei, unsere waren schwer genug und so packten wir es als 5er-Trupp an. Direkt ging es bergauf und Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn. Eine Tücke, die man auch immer wieder über den Torres del Paine Nationalpark hört, ist das Wetter und die passende Kleidung. Normalerweise fegen starke Winde durch den Park, häufig regnet, manchmal in höheren Lagen schneit es. Eigentlich ist es fast immer bewölkt. Wir waren vorbereitet, aber nicht auf Sonne und Windstille ... nach kurzer Zeit zogen wir uns die Jacken aus, dann das Fleece. Wir standen wie ein Konservenfisch im eigenen Saft. Langsamen Schrittes erklommen wir den ersten langen Anstieg bis zu einem Hinweisschild. Dieses bereitete uns auf noch einen harten Brocken Arbeit bis zum Refugio vor. Es half ja nichts, weiter gings. Andrew und Sarah hatten sich ein wenig zurückfallen lassen, wir würden sie später wieder treffen. Doch dann wurden wir auf dem nächsten, fünf Gehminuten entfernten Hügel positiv überrascht, denn entgegen der Information auf dem Schild ging es ab hier nur noch bergab zum Refugio. Wir konnten es schon sehen. Und so gingen wir entspannt im Berghang parallel zu einem Gletscherfluss im Tal bis zum Refugio. Dort angekommen ließen wir einen unserer Rucksäcke auf unserem Hochbett im Schlafsaal, halfen Erik beim Aufbau seines Zeltes und aßen eine Kleinigkeit. Dann ging es auch schon weiter, denn wir wollten ja schließlich noch die Torres sehen. Zwischenzeitlich überwanden wir steile Passagen, passierten einige wackelige Brücken über Gebirgsbächen und kamen schlussendlich am nächsten Campingplatz an. Von hier aus sollte es nun sehr steil bergauf gehen, unsere Pumpe hatte einiges zu tun und niemand hätte uns nun noch den Spitznamen Bergziege gegeben. Glücklicherweise schützten uns einige Wolken vor der prallen Sonne, was jedoch auch zur Folge hatte, dass es merklich kälter wurde und im Geröllfeld der Torres-Türme sogar etwas schneite. Nach 50 Minuten harter Arbeit standen wir dann glücklich am Fuße der imposanten Steingiganten. Unsere Körper schrieen nach der Schokolade in Toms Rucksack - was für eine tolle Belohnung! Wir zogen uns alles an, was wir dabei hatten und suchten Schutz vor dem mittlerweile doch eisigen Wind hinter großen Felsblöcken. Mit der Zeit pustete der Wind dann auch die Wolken um die Bergspitzen weg und wir wurden mit einem tollen Blick entlohnt. Mittlerweile waren auch Andrew und Sarah angekommen, außerdem Peter, ebenfalls Australier, den wir in Ushuaia schon getroffen hatten und der SEHR neidisch auf unsere Tickets für die Antarktis gewesen war. Südamerika ist halt klein und die Reiseroute häufig identisch.
Nach einiger Zeit wurde es uns dann zu kalt und wir hatten Hunger. So anstrengend der Aufstieg war, so einfach war der Abstieg. Nun hätte uns jeder Bergziege genannt. Nur die Knie schmerzten wie immer bergab ... man ist ja keine 30 mehr. Am Refugio "kochten" wir uns dann ein Nudelsüppchen (5-Minuten-Terrine) und schmierten uns zwei Schnitten Brot mit Käse und Wurst. Schmieren ist gelogen, wir legten den Aufschnitt auf das Brot, Butter war zu schwer für den Rucksack. Insgesamt hatten wir ca. 200 Gramm unseres Vorrats gegessen - wow, dann würden wir morgen ja joggen können. Wir gingen mit ca. 15 km in den Beinen früh ins Bett, lagen nebeneinander und ließen uns noch etwas vorlesen von der Stimme aus dem Ipod. Vera stieg dann in ihr eigenes Bett hoch und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Die Kälte hatte freie Bahn und startete mitten in der Nacht einen hinterlistigen Angriff auf Tom in seinem Sommerschlafsack. Verzweifelt stupste er an die Unterseite von Veras Matratze, um ihr zu signalisieren: "SOS, dein Verlobter friert!" Sie schaute herab und legte sich wieder hin. Das fing ja gut an. Noch nicht verheiratet und in dieser Extremsituation überließ sie Tom seinem Schicksal. Erneuter Versuch. Dieses Mal streckte Vera den Arm herunter, Tom ergriff ihn und zog ein paar Mal daran. Ein eindeutiges, nonverbales Zeichen für: "Komm zu mir und wärme mich!" Reden konnten wir ja schließlich nicht, es schliefen noch andere in dem Raum. Vera verstand und so lagen wir kurze Zeit später zusammen in einem kleinen Bett. Es war endlich warm. Am nächsten Morgen bei Tee und trockenem Brot mit Käse und Wurst erzählte Vera, dass sie gedacht hätte, Tom wollte ihr durch das Stupsen nur signalisieren, dass er nicht derjenige wäre, der schnarchen würde. Diese Situation wurde zu einem Running Gag in den kommenden Tagen.

Am zweiten Tag wanderten wir mit schweren Beinen los. Zunächst mussten wir ein Stück denselben Weg zurück und da, wo wir tags zuvor bergab schlenderten, mussten wir uns heute mit schweren Beinen hochschleppen. Es war eiskalt. Toller Start für unsere Wanderung über 13 km zum Refugio Los Cuernos. Sobald wir dann aber die erste Steigung hinter uns gebracht und erneut sämtliche Schweißdrüsen am Körper die Pforten geöffnet hatten, legten wir die dicken Klamotten ab und wanderten in der angenehm warmen Sonne weiter. Der Torres del Paine Nationalpark zeigte sich uns von seiner wetterfreundlichsten Seite, ohne Wind und Wolken. Wir legten auf halbem Weg eine längere Pause ein, sonnten uns und aßen Müsliriegel. Wieder wurde der Rucksack um 160 Gramm leichter. Dies half dann aber auch nicht auf dem zweiten Teilstück des Weges, welches unerwartet schwierig wurde. Wir merkten den Beinen doch die Anstrengungen des Vortages an und irgendwie stimmten die Schilder und die Karte auch nicht. Jedenfalls war das unsere Meinung, es kann aber auch sein, dass die Anstrengung unsere Sinne vernebelte. Wir redeten wenig, schauten nun mehr nach unten auf den Weg als auf die wunderschöne Landschaft, atmeten in den steilsten Stücken der Bergpassagen wie Calli beim Marathon und kämpften uns letztendlich bis zum Refugio Los Cuernos durch. Dieses lag wunderschön am See und wir konnten beim Abendessen (Nudelsuppe mit Wurstbrot) die schneebedeckten Gipfel im, man sagt schönsten Teil des "W", dem Valle Frances, sehen. Den Abend ließen wir dann mit Wein aus dem Tetrapack - hier waren sich Sarah, Andrew, Erik und wir einig: Quantität vor Qualität - ausklingen, denn bis Mitternacht und somit bis zu Toms Geburtstag würden wir eh nicht durchhalten. Wir krochen in unser gemietetes Zelt, zogen uns warm an, kämpften mit den engen Schlafsäcken für eine gute Liegeposition und fragten uns, wie denn wohl eine 0,5 cm dicke Isomatte die Kälte von unten abhalten sollte. Tat sie nicht, wir froren die Nacht, fanden aber doch irgendwie immer wieder etwas Schlaf.

Den dritten Tag hatten wir so geplant, dass wir den Geburtstag Toms bei einer Wanderung ins Valle Frances feiern wollten. Die Rucksäcke ließen wir im Zelt und dementsprechend waren wir auch flott unterwegs. Je weiter wir wanderten, desto mehr sahen wir von diesem wunderschönen Tal und den großen Schneeflächen auf dessen Bergen. Sogar eine größere Lawine donnerte den Hang hinunter, und das genau zu dem Zeitpunkt, als wir einen freien Blick auf die Gletscher hatten. Happy Birthday! Am Eingang zum Tal der Franzosen, am Camp Italiano, suchten wir uns einen sonnigen Platz am Fluss und schlemmten einen Marmorkuchen. Nach der Mittagspause nahmen wir den Aufstieg in das Tal in Angriff und genossen den zwar teils beschwerlichen, aber doch mit Ausblicken der Extraklasse gespickten Weg. Zudem machte es Spaß, in den Geröllfeldern von Stein zu Stein zu hüpfen und zwischendurch ein paar Minuten in der Hoffnung auf eine weitere Lawine zu verharren. Als wir dann am Aussichtspunkt angekommen waren, wussten wir, warum alle Guides von einem ihrer Lieblingsplätze im Torres del Paine Nationalpark gesprochen hatten. Eine riesige, von der Sonne ins rechte Licht gesetzte Felswand mit etlichen Schneefeldern verzauberte uns und viele andere Wandersleute. Auch Andrew und Sarah kamen kurz nach uns an, sie hatten zuvor noch ihr Zelt auf dem Campingplatz aufgebaut. Und da wir uns letztlich so gut fühlten, wanderten wir den Weg zurück zum Refugio Los Cuernos in Rekordzeit, und das obwohl wir uns immer wieder Zeit für Fotos nahmen.
Zur Feier des Tages hatten wir uns ein Dinner bestellt, denn den dritten Tag in Folge Nudelsüppchen mit Wurstbrot wäre des Guten wirklich zu viel gewesen. Und so saßen wir mit Erik zusammen und freuten uns diebisch über eine Tomatensuppe, Beef Stroganoff mit Gemüsereis und Pudding zum Nachtisch. Dass die Portionen nach den Anstrengungen der letzten Tage und den reichhaltigen Dinnern hätten größer sein dürfen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Aber es war saulecker und wir hatten einen großartigen Abend, auch weil Vera eine Überraschung seitens des Personals in die Wege geleitet hatte - irgendwann ging das Licht aus, die ganze Bude sang Happy Birthday und ein Kuchen mit einer Spongebob-Kerze wurde Tom kredenzt. Die Freude war groß und die kleinen Portionen vergessen. :-) Das größte Geschenk überhaupt hatte mein Schatz dann schon vor gut zwei Wochen in die Wege geleitet, indem sie sämtliche Freunde um ein verrücktes Foto/Video in einer Mail bat. Die ersten herrlich verrückten Mails konnte ich mir dann nach dem Essen anschauen und hatte wahnsinnig viel Spaß dabei! Dubbele Merci nach Hause! Ob es dann am Wein lag oder an mehr Klamotten, dass wir in der Nacht nicht so sehr froren, wissen wir nicht. Wir schliefen jedenfalls gut.

Wir machten uns am vierten Tag sehr früh, wir waren mit die ersten auf der Wanderpiste zurück zur Hosteria Las Torres, auf den Weg. Deshalb weckten wir Erik, der sogleich seinen Kopf aus dem vereisten Zelt reckte, um uns zu verabschieden. Er wollte das "W" zu Ende gehen, was wir jedoch nicht konnten, da wir den Bus in Richtung El Calafate bekommen mussten. Wir gingen also ein "U". Es war eine tolle Zeit mit diesem angenehm verrückten Zeitgenossen. Bei bestem Wetter genossen wir die Stille des Morgens, hörten Vögel zwitschern, Bäche plätschern und hier und da ein Rascheln im Gebüsch. Wir waren zügigen Schrittes unterwegs und kamen sehr zeitig an, nahmen den Shuttlebus zum Eingang des Parks, holten unsere Rucksäcke beim freundlichen Ranger ab und warteten uns sonnend auf den Bus nach El Calafate. Dabei lernten wir noch Mark aus Kalifornien und Bernhard aus Köln kennen, die euch in dem Bericht zu El Chalten wieder begegnen werden.

Wir planen noch im April in den Norden von Chile einzureisen, jedoch hängt das von den Busverbindungen ab. Wir werden sehen.

Liebe Grüße

Tom und Vera